Gute Nachrichten zu Pavillon 15

Im Mai 2013 habe ich im Falter die bis in die 1980er Jahre andauernde Misshandlung und Vernachlässigung von behinderten Kindern im Pavillon 15 des Wiener Krankenhauses am Steinhof (des heutigen Otto-Wagner-Spitals) publik gemacht. Nach viel Verzögern und Verharmlosen und einem fragwürdigen internen Bericht gab Sozialstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ)  eine echte Aufarbeitung in Auftrag, im März 2017 wurde das Ergebnis präsentiert: Eine ausführliche Studie des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie, die die Vorwürfe bestätigte. Jetzt, gut fünf Jahre nach dem ersten Text, sollen die Betroffenen finanzielle Entschädigungen bekommen. Yeah!

Alle Texte zum Pavillon 15 gibt es hier nachzulesen.

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Die Zeit heilt nicht alles

Seit 18 Jahren ist der Nordirlandkonflikt vorbei. Offiziell. Tatsächlich haben Protestanten und Katholiken nie wirklich Frieden geschlossen. Und der Brexit droht alles wieder schlimmer zu machen.

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Wenn das hier eine normale Stadt wäre, dann würden sich Simon Rea und Ann Lynch gut kennen. Dann würden sie einander über den Zaun hinweg grüßen, wenn sie gleichzeitig in ihren Gärten sind, sie würden einander mit Mehl oder Milch aushelfen, und wahrscheinlich würde Ann Lynch ihren Nachbarn in jedem zweiten Satz «Love» nennen, wie Frauen das hier eben so tun.

Aber das hier ist Belfast, Simon Rea ist Protestant, und Ann Lynch ist Katholikin. Deshalb kennen sie sich nicht, und auch wenn sie wollten, könnten sie einander nicht über den Zaun hinweg grüßen. Denn der Zaun, der ihre Gärten trennt, ist neun Meter hoch, sechs Meter grünes Wellblech, darüber drei Meter Metallgitter.

Auf 750 Metern Länge trennt er die Häuser in der Alliance Avenue im katholischen Viertel Ardoyne von denen im protestantischen Glenbryn. Die einzige Quergasse, die beide Seiten einmal verband, endet heute abrupt am grünen Wellblech.

Seit achtzehn Jahren ist der Nordirlandkonflikt offiziell zu Ende. Aber bis heute leben Katholiken und Protestanten fast völlig voneinander getrennt. Sie wohnen in unterschiedlichen Vierteln, ihre Kinder lernen in unterschiedlichen Schulen, und Dutzende von Mauern und Zäune zerhacken Belfast.

«Peace Walls», Friedensmauern, heißen sie. Die Regierung würde gern alle Mauern bis 2023 abreißen. Die Bewohner der betroffenen Viertel wollen sie behalten. Weiterlesen auf nzz.ch

NZZ am Sonntag, 19.2.2017

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Der letzte Zeuge

In Österreich kennt ihn jedes Schulkind. Auch wegen seines schwarzen Humors. Marko Feingold ist 103 Jahre alt, hat den Holocaust überlebt. Nun kämpft er gegen Antisemitismus – und ist selbst nicht frei von Vorurteilen.

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Als Marko Feingold 100 Jahre alt wurde, hat er sich vorgenommen, nur noch einmal am Tag öffentlich aufzutreten. Zu viele Vorträge, zu viele Interviews. Mittags wird er dann oft müde. Aber manchmal hilft es nichts. Die Zeiten sind gerade nicht danach, dass einer wie er ruhen könnte.

Und so steht er an einem eisigen Morgen Anfang Dezember am Milchglasfenster der Salzburger Synagoge und schaut abwechselnd nach draußen in den Vorgarten und auf die von einem Davidstern umrandete Uhr an der Wand. Die Uhr zeigt 9.32 Uhr. Die Schulklasse sollte jetzt da sein, ist sie nicht. In einer Stunde muss Feingold aber schon zum Zug, nach Wien zur Sitzung des antifaschistischen Vereins, in dessen Vorstand er sitzt. Wer sich die Weltlage anschaut, ahnt, dass es viel zu besprechen gibt. Weiterlesen bei Blendle

Der Tagesspiegel, 18.12.2016

Ein kurzer Traum von Freiheit

Vor 60 Jahren revoltierten die Ungarn gegen den Sowjetkommunismus, der Wiener Fotograf Erich Lessing setzte dem Aufstand mit seinen Bildern ein Denkmal. Besuch bei einem alten Herrn, der damals alle Illusionen verlor

Kurz nach halb zehn Uhr abends kippt Josef Stalin aus den Latschen. Demonstranten reißen die acht Meter hohe Bronzestatue des im März 1953 verstorbenen sowjetischen Diktators mit Lastwagen von ihrem Sockel auf dem Budapester Paradeplatz, nur die fast mannshohen Stiefel bleiben stehen. Es ist der 23. Oktober 1956. Einen kurzen historischen Moment lang sieht es vor exakt 60 Jahren so aus, als würde mit der Stalin-Statue auch die kommunistische Diktatur in Ungarn stürzen. Am Ende dieser historischen Tage sind viele Hundert Menschen tot und mit ihnen die Hoffnung auf ein neues Ungarn.

  Der Wiener Magnum-Fotograf Erich Lessing hat den Ungarnaufstand miterlebt und für die Nachwelt festgehalten. Lessing ist heute 93 Jahre alt, er wohnt am Rande von Wien, da, wo die Stadt schon bald in Wälder und Weinberge ausfranst. Eigentlich gibt Lessing keine Interviews mehr, er hört und geht nicht mehr allzu gut; aber seine Erzählungen vom Herbst 1956 sind so lebendig wie die hellwachen blauen Augen unter den buschigen Brauen in seinem runden Gesicht. „Lauter Amateure“ seien damals am Werk gewesen, sagt er – und trotzdem sei der Ungarnaufstand der Anfang vom Ende des Kommunismus gewesen, die erste Bruchstelle sozusagen in der Mauer, die 1989 einstürzen sollte. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 22.10.2016

Schlechte Zeiten, gute Zeiten

Marianne Schwarzmüller arbeitete zunächst für die Nazis, dann diente sie dem demokratischen Bayern. Sogar an der Entstehung der Verfassung war sie beteiligt.

Als die Zeitungen und die “Wochenschau” noch vom Endsieg fantasierten, da wusste Marianne Schwarzmüller schon, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Täglich las die junge Frau Anfang der Vierzigerjahre die “Feindpresse” – die Times, den Figaro, die Prawda. Nicht heimlich, sondern offiziell im Auftrag des Dritten Reichs. Mit 16 Jahren hatte sie im März 1941 ihre Stelle als Stenotypistin in der “Nachrichtenstelle”, also der Propaganda-Abteilung, der bayerischen Landesregierung angetreten. “Ich bin überhaupt nicht gefragt worden”, sagt sie, “die haben mich ausgesucht.”

Vier Jahre lang arbeitete Schwarzmüller für die Nazis. Mit dem Einmarsch der Amerikaner in München am 30. April 1945 endete diese Phase ihres Lebens – aber nicht ihre Arbeit für die bayerische Regierung. Ihr ganzes Berufsleben, nach Kriegsende noch fast 40 Jahre, sollte sie in der Staatskanzlei bleiben, die Entstehung der bayerischen Verfassung miterleben und die Beratungen über das Grundgesetz; als sie in Rente ging, hieß ihr oberster Vorgesetzter Franz Josef Strauß. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 29.4.2015

“Hauptsache, man hat die Behinderten nicht gesehen”

Bis in die 1980er-Jahre wurden in Wien behinderte Kinder gequält. Der Zeitzeuge und Psychiater Ernst Berger sucht nach Erklärungen

Behinderte Kinder wurden geschlagen, in Zwangsjacken gesteckt, mit Beruhigungsmitteln niedergespritzt, im eigenen Kot liegengelassen: Im Pavillon 15 am Steinhof, dem heutigen Otto-Wagner-Spital, war das bis in die 1980er-Jahre hinein Alltag. Nachdem die Krankenschwester Elisabeth Pohl im Falter von diesen Zuständen erzählt hatte, untersuchte eine Arbeitsgruppe der Stadt Wien die Vorwürfe. Doch ihr Untersuchungsbericht bleibt geheim. Der Kinderpsychiater Ernst Berger erklärt, wie es zu Situationen wie der im Pavillon 15 kommen konnte. Read More »

Geheimsache Steinhof

Noch in den 1980er-Jahren wurden in Wien behinderte Kinder misshandelt. Die Stadt dilettiert bei der Klärung schwerster Vorwürfe. Nun bricht eine zweite Krankenschwester ihr Schweigen

Recherche: Ruth Eisenreich, Florian Klenk

Transparenz hatte die rot-grüne Stadtregierung versprochen. Doch jetzt, wo es unangenehm wird, wird das Versprechen gebrochen. Der elf Seiten starke “Schlussbericht” des städtischen Krankenanstaltenverbunds (KAV), betreffend die Behandlung behinderter Kinder am Steinhof, wird nicht veröffentlicht, zum Wohle der Patienten, wie es heißt.

Das ist eine Ausrede. In dem Endbericht sind gar keine persönlichen Patientendaten enthalten, wie der Falter recherchierte. Die Geheimniskrämerei schützt bloß die Interessen der Stadt Wien, die offenbar keine neue Debatte über Misshandlungen in städtischen Einrichtungen führen will. Read More »